Was ist eigentlich wissenschaftliche Forschung?

Am Anfang steht die Idee…

Der Name ist quasi Programm. „Wissenschaft“ möchte neues Wissen generiern und um dies zu erreichen, bedienen sich die Wissenschaftler der sogenannten „Forschung“. Theoretisch kann jeder Mensch, der eine coole Idee hat und denkt zu wissen, wie gewisse Dinge funktionieren, diese Idee erforschen und schauen, ob seine Vermutungen auch im wirklichen Leben zutreffen. Eigentlich sind dem keine Grenzen gesetzt, außer natürlich die legalen… Was aber unterscheidet dann wissenschaftliche Forschung von privaten Experimenten?

Von der Idee her zunächst einmal gar nichts. Auch professionelle Forscher haben anfangs nur eine Idee, wieso irgendetwas so sein könnte, wie es sich darstellt. Wenn nun mehrere Forscher unabhängig voneinander ein bestimmtes Thema untersuchen, zum Beispiel wie man am erfolgreichsten sein Selbstwertgefühl verbessert, dann ist es natürlich interessant, wenn die Ergebnisse miteinander verglichen werden können. Damit das auch wirklich funktioniert, muss die allgemeine Vorgehensweise (zum Beispiel der Aufbau eines Experiments) bei den unterschiedlichen Forschern überwiegend gleich und somit vergleichbar sein. Wenn sich also alle an bestimmte Grundsatzregeln halten, dann kann man sogar bereits existierende Forschungsergebnisse als Grundlage für eigene, neue Überlegungen benutzen. Das ist ziemlich cool, weil man so Erkenntnisse teilen und darüber hinaus auch neues Wissen schaffen kann.

Ein wichtiger Punkt ist also, dass die Details eines Experiments bekannt sind, damit man dieses auch problemlos wiederholen kann, zum Beispiel wenn man dieselbe Fragestellung mit Teilnehmern eines anderen Kulturkreises testen möchte. Ein wissenschaftliches Experiment muss also mit identischem Aufbau wiederholbar – im Fachjargon „replizierbar“ – sein. Die Resultate eines Experiments und die jeweils gezogenen Schlussfolgerungen werden dann von den Wissenschaftlern in Fachzeitschriften veröffentlicht. Das sind allerdings keine Zeitschriften die man am Kiosk kaufen kann, sondern auf bestimmte Fachgebiete spezialisierte Ausgaben.

Überzeugungsarbeit…

Damit ein Artikel in solch einer Zeitschrift erscheinen darf, wird dieser vom Herausgeber zuerst einmal an führende Wissenschaftler des bestimmten Fachbereichs verschickt. Diese begutachten den Artikel und machenVerbesserungsvorschläge (eine sogenannte „Peer-Review“). Es kann auch passieren, dass ein Artikel schlichtweg abgelehnt wird, nicht etwa weil dieser schlecht ist, sondern weil er einfach nicht in die aktuelle Sichtweise der Dinge passt oder anerkannte Theorien widerlegt. So kann es vorkommen, dass ein Peer-Reviewer, der einen Artikel begutachtet, in dem seine eigene Theorie widerlegt wird, diesen in der Luft zerreißt, weil sein Lebenswerk dadurch angegriffen werden würde. Zum Glück passiert dies nicht immer, aber trotzdem sehr häufig. Manche Forschungsergebnisse werden leider erst so richtig ernst genommen, nachdem die Generation der Beschützer persönlicher Theorien ausgestorben oder zumindest in den Ruhestand gegangen ist. In der Wissenschaft ist also auch nicht immer alles Gold was glänzt…

Standpunkte oder besser: ein wildes Durcheinander…

Allerdings ist die Grundidee sehr lobenswert und hat sich in der Praxis auch als sehr hilfreich erwiesen. Halten wir fest: Formalen Kriterien zu genügen ist also eine wichtige Grundlage, um wissenschaftlich zu forschen. Allerdings muss in diesem Zusammenhang beachtet werden, dass es wenig Sinn macht, wenn der reine Ablauf eines Projekts formalen Kriterien genügt, der Inhalt aber von der Realität unendlich weit entfernt liegt. Dieses Phänomen, das im aktuellen Zeitalter eines steigenden Interesses an der kommerziellen Ausbeute von Forschungsergebnissen zunimmt, wurde 1974 von Richard Feynman (einem begnadeten Physiker und Nobelpreisträger) als Cargo-Kult-Wissenschaft bezeichnet.

Daher haben sich viele schlaue Köpfe Gedanken darüber gemacht, welche Kriterien denn nun am wichtigsten sind, um einen Prozess als „wissenschaftlich“ bezeichnen zu können. Zurzeit führt die Sichtweise von Karl Popper (das war ein Philosoph der den kritischen Rationalismus mitbegründete, Stichwort „Der Wiener Kreis“) das Feld zu einem Großteil an. In seinem 1934 veröffentlichten Werk „Logik der Forschung“ schlägt er vor, dass eigentlich jede Theorie frei nach Belieben erfunden werden dürfe. Es komme vor allem darauf an, Theorien zu widerlegen, in der Fachsprache: zu falsifizieren. Eine Theorie bleibt demnach so lange gültig, bis diese eindeutig widerlegt wird.

Thomas Kuhn, ein Wissenschaftsphilosoph, sah dies allerdings ein wenig anders. Falsifikationen gelten seiner Meinung nach nur in der Normalwissenschaft. Das ist der Zweig der Forschung, der keine bahnbrechenden Neuerungen hervorbringt, sondern bestehende Theorien weiter untermauert. Laut Kuhn ist es allein die außerordentliche Wissenschaft, die grundlegende Theorien verändern und somit zu einem Paradigmenwechsel führen kann.

Paul Feyerabend, ein Wissenschaftstheoretiker, hatte die wohl liberalste Sicht zur wissenschaftlichen Vorgehensweise. Er vertrat die Ansicht, dass es eigentlich keine universell festgelegten Methoden in der Forschung geben dürfe. Diese Haltung bezeichnet man als wissenschaftlichen Anarchismus.

Es ist wohl eine Mischung aus diesen Hauptthemen und aus vielen pragmatischen Anpassungen, die das alltägliche Forschungsgeschäft formt. Welche Vorgehensweise Vorrang hat, hängt nicht nur von der Institution ab, an der geforscht wird, sondern auch von den Geldgebern eines Forschungsprojekts. Wissenschaft… ein geordnetes, buntes Durcheinander.